Freitag, 18. Mai 2012

Überlegungen beim Schreiben eines Textes

Darf man auch einfach mal zu schreiben beginnen, ohne zu wissen, was man schreiben will? Diese Frage stellen sich wohl viele Schreibende, denn als Schreibender hat man doch stets den Anspruch, kreativ etwas zu schaffen. Der Wunsch, etwas Eigenes zu kreieren, eine eigene Geschichte zu erfinden, eine eigene Idee zu Papier zu bringen, ist in den meisten Fällen der Antrieb des Schreibenden. Ist es unter diesen Umständen also erlaubt, einfach den Stift aufs weisse Papier zu halten, ohne zu wissen, was er schreiben soll, und den Dingen ihren Lauf zu lassen? Diese Frage würde sich ja nicht stellen, wenn in jenen Fällen, in denen der Schreibende keine Ahnung hat, was er schreiben möchte, auch kein Text entstünde. In Wahrheit ist es aber so – und auch ich erlebe dies häufig – dass, wenn man eine Zeit lang wartet, der Stift plötzlich beginnt, Wörter auf das leere Blatt zu schreiben, die Leere auf dem Papier mit Sätzen und die Leere im Kopf mit Ideen füllt. Denn sind erst einmal ein paar Sätze geschrieben, kommen auch die Ideen, wie es weitergehen könnte. Doch stellt sich bei solcherart entstandenen Texten am Ende stets die Frage: Wem gehören sie eigentlich? Klar, ich habe den Text geschrieben, den grössten Teil davon sogar selber erdacht. Aber da ist immer der Zweifel: Woher kam die Idee, die Inspiration am Anfang? Als der Stift einfach zu schreiben begann, fast ohne Zutun der Hand, sicher ohne Unterstützung des Kopfes, welche Kraft hat ihn da gelenkt? Objektiv wird niemand sagen können, nicht ich sei der Urheber auch jener ersten Zeilen gewesen – wie wollte man das auch beweisen? Ich könnte also durchaus sagen, der Text sei meiner, voll und ganz und ohne Zweifel. Und trotzdem ist mir nicht ganz wohl bei der Sache. Natürlich könnte man sagen, wenn man mich beruhigen wollte, dass die Idee eben tief in meinem Unterbewusstsein geschlummert und sich dann manifestiert habe, ohne dass es mein Verstand bemerkte. Diese Version des Vorganges mag ja glaubhaft scheinen und ist auch durch eine grosse Theorie eines wichtigen Mannes untermauert, doch vermag sie mich nicht zu überzeugen. Viel zu stark war das Gefühl, als der Stift zu schreiben anfing, dass da eine Inspiration von aussen auf ihn einwirkte, so schwungvoll zeichnete er die ersten Buchstaben aufs Papier. Vor dieses Problem gestellt, frage ich mich nun, ob ich von dieser Inspiration einfach profitieren darf, sie ausnützen, um einen Text in meinem Namen zu veröffentlichen, dafür Lob und Kritik einzuheimsen. Ist dieser Text wirklich mein eigener, meine literarische Kreation? Auf diese Frage wird es wohl keine Antwort geben, bis wir zweifelsfrei bewiesen haben, dass Gott existiert, oder dass es ihn nicht gibt. Was es sicherlich gibt – empirisch beobachtbar – ist die Inspiration, deren Geheimnis laut Picasso ist, dass sie dich arbeitend antreffen muss. Deshalb muss ich denken, dass ich doch einen gewichtigen Anteil an der Kreativität meines Stiftes habe, habe ich ihn mich doch an den Tisch gesetzt und den Stift aufs Papier mit dem Ziel, zu arbeiten. Deshalb werde ich – trotz allem und bis Gott mich allenfalls widerrufe – diesen Text unter meinem Namen veröffentlichen.

Dienstag, 8. Mai 2012

Eine Frage

Und was tust Du,
Wenn Du eines Tages merkst:
Es gibt sie immer noch,
Die Vergänglichkeit.

Dienstag, 1. Mai 2012

Revolution

Auf Dich zu warten ist wie auf den Frühling warten,
Wenn alles noch kalt und erfroren ist.
Mit Sehnsucht denkt man an die erste Wärme,
Während man frierend den Widrigkeiten trotzt.

An Dich zu denken ist wie die ersten Blümchen sehen,
Die zaghaft aus dem harten Boden spriessen.
Und wenn überall noch Schnee liegt und Stiefel trampeln,
Weiss man doch: die Saat liegt bereit.

Auf Dich zu hoffen ist, was uns am Leben hält:
Als Menschen, die Geborgenheit und Liebe brauchen.
Unter Freunden machen wir uns Mut in einsamen Stunden,
Und fühlen uns Dir schon etwas näher.

Sich nach Dir zu sehnen ist manchmal schmerzhaft.
Oft scheint die Geduld aufgebraucht. Hoffnungslosigkeit macht sich breit,
Wenn die Welt rundherum erstarrt ist, die Kälte alles durchdringt,
Und der lange Winter kein Ende zu nehmen scheint.

Doch auf Dich zu warten ist wie auf den Frühling warten,
Weil der Frühling sicher kommt, und niemand
Kann ihn verhindern oder verbieten, denn er bricht
Sich Bahn mit aller Macht und bringt Licht ins Land.

Auf Dich zu warten ist wie auf den Frühling warten,
Weil, auch wenn die ersten Deiner zarten Blumen
Einem plötzlichen Kälteeinbruch zum Opfer fallen und sterben,
Immer neue Blumen kommen, die in allen Farben blühen werden.

Mittwoch, 18. April 2012

Eine andere Welt

Und wenn die Welt heute kopfstehen würde?
Nichts mehr wie gestern wäre, sondern alles anders?
Die Fische würden nicht mehr schwimmen,
Und die Vögel gingen zu Fuss über die Wolken.

Die Sonne würde regnen und der Regenbogen
Hätte beide Enden im Himmel,
Und der höchste Punkt seiner Wölbung
Berührte die Erde genau dort, wo Du stehen würdest.

Die Menschen gingen auf den Händen, nicht zur Arbeit,
Sondern zueinander, um zusammen zu träumen.
Die Spinner spönnen Spinnennetze, in denen
Sie die Vernünftigen fingen, um sie zur Vernunft zu bringen.

Die Leute würden nichts mehr kaufen,
Und alles verschenken, was sie benötigen.
Ein Hund führte einen Baum ohne Leine aus,
Der einem Herrchen an den Schuh pinkeln würde.

Die Bauern würden den König opfern, um ein Pferd zu retten,
Und die Felder des Schachbretts wären rund oder oval.
Eine versteckte Agenda würde gefunden und
Verzeichnete im nächsten Jahr keine Einträge.

Samstag, 14. April 2012

Lob des Störenfrieds

Der Dichter Erich Fried ist seit 23 Jahren tot. Jahrzehntelang hat er als unbequemer, manchmal beinahe gehässiger, immer scharfzüngiger Wortjongleur die deutsche und europäische Politik begleitet, weshalb er bisweilen als „Störenfried“ bezeichnet wurde. Er verstand sich als Teil der Ausserparlamentarischen Opposition, nicht nur, weil er sich als Dichter ausserhalb der Parlamente engagierte, sondern auch, weil er stets solidarisch war mit jenen – oft jungen – Menschen, die die Gesellschaft auf radikale Weise umgestalten wollten.

Fried wurde 1921 in Wien geboren und musste 1938 als Siebzehnjähriger aus dem faschistischen Österreich fliehen, nachdem die Gestapo seinen Vater ermordet hatte. Sein ganzes Leben lang hat er sich als Intellektueller und Poet in politische Diskussionen eingemischt, weil er wusste, dass seine Zeit ihn und seine Einmischung nötig hatte. Dabei war er nicht Vertreter einer bestimmten Ideologie, sondern hielt vielmehr den Wert der Solidarität und die Würde eines jeden Menschen hoch. Als höchstes Gut galt ihm stets die Freiheit. Die Freiheit als Gedankenfreiheit, als Freiheit, zu kritisieren, als Freiheit, zu hinterfragen und dementsprechend zu handeln. So schrieb er: „Die Gewalt herrscht, wo irgendwer oder irgendetwas zu hoch ist, oder zu heilig, um noch kritisiert zu werden."

Auch in Zeiten des Kalten Krieges liess sich Fried nie blenden vom freiheitlichen Diskurs in den kapitalistischen Ländern Westeuropas. Immer hielt er den Finger dahin, wo es schmerzhaft war, wo auch diese Länder, insbesondere die Bundesrepublik, sich wenig um demokratische Grundsätze scherten: die mangelnde Aufarbeitung des Faschismus, die militärische Aufrüstung, der unzimperliche Umgang mit ausserparlamentarischen Oppositionellen. Brillant entlarvte Fried, der Sprachkünstler, immer wieder die scheinheilige Sprache der Regierenden, die mit Vokabeln wie 'Demokratie' und 'Freiheit' diese Missstände zu kaschieren versuchte: „Zu sagen 'Hier herrscht Freiheit!' ist immer ein Irrtum, oder auch eine Lüge: Freiheit herrscht nicht.“

Nie liess sich Fried darauf ein, linke Dogmen nachzubeten. Die Kritik und der Zweifel waren für ihn die wertvollsten Instrumente des revolutionären Intellektuellen: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst. Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.“ Fried hatte für Dogmatiker nur Verachtung übrig, insofern hatte er die Lehren aus dem Stalinismus gezogen: „Wenn ein Linker denkt, dass ein Linker, bloss weil er links ist, besser ist als ein Rechter, dann ist er so selbstgerecht, dass er schon wieder rechts ist.“

Fried wehrte sich auch gegen politischen Dogmatismus, weil er sich immer bewusst war, dass die Revolution nicht ein rein politischer Prozess ist. Er hatte die Notwendigkeit erkannt, sich philosophische und ästhetische Fragen ebenso zu stellen wie politische. Der neue Mensch, von dem die Revolutionäre in aller Welt gerne sprachen, war für ihn nicht zu schaffen durch einen Umsturz der staatlichen Institutionen allein. Fried wusste, dass für die Kreation einer neuen Gesellschaft eine andere Art, die Welt und die Mitmenschen zu sehen, vonnöten war.

So plädierte er in einer einfachen, direkten Sprache für mehr Menschlichkeit in allen Belangen. Die Auflehnung der Liebe als wahrhaft menschliches Gefühl gegen alle Widrigkeiten der Welt war ihm oft Thema: „Es ist lächerlich, sagt der Stolz. Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist was es ist, sagt die Liebe.“

Liebe und Vernunft müssen Antrieb des menschlichen Handelns sein, darauf hat Fried immer bestanden. Und dieses Handeln muss die Welt verändern. Erschreckt und nüchtern stellte Fried fest, was die Alternative zu revolutionärer Veränderung wäre, als er inmitten einer Welt voller Atomwaffen, Umweltzerstörung und kalter Warenrationalität schrieb: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

Erich Fried sagte, um die Menschen zu lieben, müsse man die Wirklichkeit hassen. Er hat auch gesagt, was wir in einer Welt tun müssen, die durchdrungen ist von einer unmenschlichen, oft brutalen Wirklichkeit: „Die Welt vor dieser Wirklichkeit retten wollen. Die Welt wie sie sein könnte lieben: Die Wirklichkeit aberkennen.“ Und immer wieder die Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, denn: „Ein Mensch, der ein Mensch ist, kann nicht schweigen zu dem was geschieht.“

Mittwoch, 28. März 2012

Zum Papstbesuch in Havanna

28. März 2012, Plaza de la Revolución

Diesseits
Ein Gebäude, ein Gesicht an der Fassade
Und ein Platz, gefüllt und belebt
Von vielen Menschen

Jenseits
Eine Tribüne, erhaben und erhoben
Und darauf ein Schaulaufen
Der klerikalen Elite

Diesseits
Ein junger Märtyrer mit Stern
Und das Volk
In dem er weiterlebt

Jenseits
Ein verbitterter alter Mann
Und seine Kardinäle
Die das Martyrium predigen

Diesseits
Opferbereitschaft und Mut
Vierundfünfzig Jahre Kampf, Souveränität und
Jahrhundertelanger Widerstand

Jenseits
Reden von Aufopferung und
Schweigen über die Opfer
Von Kolonisierung und Inquisition

Diesseits
Eine Revolution
Verpflichtet dem Diesseits
Und den Träumen ihrer Menschen

Jenseits
Die Reaktion
Die alle Träume ins Jenseits projiziert
Um jede Veränderung zu verhindern

Und dazwischen
Barrieren oder Barrikaden
Je nachdem von welcher Seite
Man die Szene betrachtet

Samstag, 4. Februar 2012

Brief an Brecht

Lieber Bertolt Brecht

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Dieser Satz stammt von Dir, und doch weiss ich keinen besseren, um heute, fünfundfünfzig Jahre nach Deinem Tod, einen Brief an Dich zu beginnen. Die Zeiten sind tatsächlich finster: allenthalben spricht man von Krise, Europa lernt erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder die Massenarmut kennen – ganz zu schweigen davon, dass die Ausbeutung der Dritten Welt ungebremst weitergeht und eine Milliarde Menschen zum täglichen Martyrium des Hungers verurteilt. Die Zeiten sind aber insbesondere aus einem Grund finster: Es fehlt das Licht am Ende des Tunnels. Es fehlt die Idee, wie das alles zu beenden wäre; es fehlt das grosse gesellschaftliche Gegenprojekt; es fehlt insbesondere der jungen Generation, die diese Welt nur so kennengelernt hat, wie sie ist, die Hoffnung, sie könnte anders werden.

Deshalb, lieber Brecht, schreibe ich Dir heute: weil wir Dich brauchen. Wie Du warst, wissen wir heute nur aus Erzählungen, da wir Dich nicht als Zeitgenossen erleben konnten. Was Du dachtest, wissen wir insbesondere aus Deinen Schriften: den Gedichten, Theaterstücken und Texten, die Du uns hinterlassen hast. Du hast beim Schreiben viel an die Nachgeborenen gedacht, hast ihnen Dein vielleicht berühmtestes Gedicht gewidmet. Als Du schriebst: Gedenkt, wenn ihr von unsern Schwächen sprecht, auch der finsteren Zeit, der ihr entronnen seid, da dachtest Du, wir Nachgeborenen würden wohl Mühe haben, Dich zu verstehen. Ich glaube, Du hofftest, „dass der Mensch einer neuen Zeit Dich nicht verstehen kann, ohne die alte Zeit zu studieren“, wie es Erich Fried einmal ausgedrückt hat. Und trotzdem wissen wir heute, wenn wir Deine Gedichte lesen, genau wovon Du sprichst.

Dein Feind war der Faschismus, aber eigentlich war es die Unmenschlichkeit. Auch wenn der Faschismus vorübergehend besiegt wurde, so ist die Unmenschlichkeit immer noch in der Welt und hat sich in den letzten Jahren in unsern Ländern wieder häuslich eingerichtet. Doch noch immer gibt es Menschen, die sich gegen jede Art der Unmenschlichkeit wehren, und immer noch stossen sie in unsern Gesellschaften auf Unverständnis oder offene Feindseligkeit, verdächtigt, gegen den Hunger zu kämpfen, beschuldigt des Aufruhrs gegen die Ausbeuter, angeklagt des Kampfes gegen die Unterdrückung, überführt der gerechtesten Sache, wie Du einmal das Schicksal eines Gesinnungsgenossen beschriebst.

Du hast immer klar gesprochen, und diese Klarheit vermissen wir heute bei den Intellektuellen und Politikerinnen, auch bei jenen, welche die Verhältnisse kritisieren. Du hast elementare Fragen aufgeworfen, hast versucht, im kollektiven Bewusstsein zu verankern, was wir eigentlich alle wissen: An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns. An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.

Du hast den Revolutionär charakterisiert; den Menschen, der dem Menschen ein Helfer sein wird: Er fragt das Eigentum: Woher kommst du? Er fragt die Ansichten: Wem nützt ihr? Wo immer geschwiegen wird, dort wird er sprechen, und wo Unterdrückung herrscht und von Schicksal die Rede ist, wird er die Namen nennen. Die Fähigkeit, nachzufragen, wo alles klar scheint, und den Mut, nachzufragen, wo Fragen als unschicklich gelten, brauchen wir heute mehr denn je.

Du vertratst eine Utopie, eine Idee, der Du treu geblieben bist. Dabei nahmst Du Dir stets die Freiheit, jene zu kritisieren, die im Namen dieser Utopie Taten begingen, die Dich erschreckten. Unvergessen bleibt Dein sarkastischer Aufruf an die Regierung der DDR – Deiner Heimat –, nachdem sie einen Aufruhr der Berliner Arbeiter niederschlagen liess: Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes? Der Mut, seine Meinung bedingungslos zu vertreten, sich einer gesellschaftlichen Utopie zu verpflichten, weil man die Verhältnisse, so wie sie sind, nicht ertragen kann, dabei aber stets unabhängig zu bleiben und aufs Denken nie zu verzichten – dieser Mut kann uns heute ein Vorbild sein.

Lieber Bertolt Brecht, Du hast einmal gesagt: Ich benötige keinen Grabstein. Wenn ihr einen für mich benötigt, wünschte ich, es stünde darauf: Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen. Der Stein, der heute Dein Grab ziert, ist schlicht und – abgesehen von Deinem Namen – leer. Wir arbeiten daran, lieber Brecht, dass wir eines Tages den Satz darauf schreiben können, den Du Dir gewünscht hast.